Qualitätsstandards

Qualitätsanforderungen für das Anti-Aggressivitäts®-Training (AAT® ) und das Coolness-Training (CT®)

Das Thema Jugendgewalt bestimmt seit Anfang der neunziger Jahre dauerhaft die pädagogischen Diskussionen in verschiedenen Bereichen der Jugendhilfe (hier insbesondere in der Jugendfreizeit- und Jugendsozialarbeit), des Jugendstrafvollzugs und der Bewährungshilfe sowie der schulischen Bildung und Erziehung. Anti-Aggressivitäts-Trainings haben Konjunktur. Was aber sind die fachlichen Standards dieser Methoden, wenn sie als praxisgerecht und als Grundvoraussetzung für Verhaltensänderungen gewaltbereiter Wiederholungstäter gelten sollen?

  1. Das AAT® ist im Bereich der tertiären Prävention (Rössner 1973, S. 218 f.) bei der Bewährungs- und Jugendgerichtshilfe, beim Paragraph 10 JGG und in den unterschiedlichen Formen des Strafvollzugs anzusiedeln. Behandlung von gewaltbereiten Wiederholungstätern unter Zwang wird als Einstiegs- Sekundärmotivation akzeptiert. Das Coolness-Training orientiert sich am Bereich der sekundären Prävention und setzt in Schule, Peer-group, Streetwork und Jugendhilfe auf Freiwilligkeit.

  2. Zielgruppe: Hierzu zählen Jugendliche, Heranwachsende und junge Erwachsene, die sich gerne und häufig schlagen, die selbstbewußt auftreten und Spaß an der Gewalt haben. Sie müssen kognitiv und sprachlich dem Programm folgen können, das auf einem lerntheoretisch-kognitiven Paradigma basiert. Diese Trainingsprogramme sind nicht geeignet für Suizidale, für Grenzfälle zur Kinder- und Jugendpsychiatrie, für vorherrschen Alkohol- und Heroinabhängige, für Mitglieder der organisierten Kriminalität. Zur Zielgruppe zählen vielmehr stadtbekannte Schläger, Hooligans, Skinheads und Schläger aus multiethnischen oder monoethnischen Gangs.

  3. Der zeitliche Rahmen der Programme umfaßt bei einer Gruppengröße von fünf Teilnehmer zirka sechzig Stunden.

  4. Die Gruppenleitung umfaßt in der Regel zwei MitarbeiterInnen mit abgeschlossenem Hochschulstudium in Sozialer Arbeit, Sozialpädagogik, Erziehungswissenschaft, Psychologie oder Kriminologie, davon einer mit qualifizierter Zusatzausbildung zum/zur Anti-Aggressivitäts-TrainerIn, inklusive Selbsterfahrung auf dem sogenannten »heißen Stuhl«.

  5. Der Trainingseinstieg umfaßt die Motivationsarbeit durch Tätergespräche erlebnispädagogisches, beziehungsaufbauendes »Locken« sowie eine interessante spannende, konfrontative Gesprächsführung und Sitzungsgestaltung, z. B. mit Co-Trainern (Ex-Schläger, friedfertige Kampfsportler). Sekundäre Behandlungsmotivationen, wie richterlicher Druck, drohender Schulverweis, drohender Widerruf oder anstehende Gerichtstermine sollen nach den ersten vier Sitzungen einem primären Interesse weichen.

  6. Die Trainingsinhalte umfassen folgende Eckpfeiler:
    · Einzelinterviews im Beisein der Gruppe
    · Analyse der Aggressivitätsauslöser
    · Tatkonfrontation und Provokationstest auf dem heißen Stuhl
    · Opferbriefe, Opferfilme und Opferaufsätze zur »Einmassierung« (Redl 1974) des Opferleids
    · Distanzierungsbrief zur Gewalt an die Clique.

  7. Das optimistische Menschenbild des Anti-Aggressivitäts®- und Coolness-Trainings signalisiert: Die Professionellen sollten den Täter als Person mögen, bei gleichzeitiger massiver Ablehnung seiner Gewaltbereitschaft, denn »there is no bad boy«.

Quelle: Kilb, R. / Weidner, J.: Eine neue Methode im Aufwind? Sozialmagazin 1/2000, S. 33-38