Gewaltprävention
- Situation
- Das Thema dieses Beitrags, geübt an Fällen aus Ihrer Einrichtung statt aus dem Lehrbuch.
Was fast passiert wäre, wird selten dokumentiert. Dabei steht dort das Muster, das man nach dem Ernstfall im Nachhinein erkennt.
In einer Einrichtung mit sechzig Mitarbeitenden werden im Jahr vier Vorfälle dokumentiert. In der Befragung derselben Mitarbeitenden geben achtundzwanzig an, im letzten Jahr bedroht worden zu sein.
Diese Lücke ist nicht ungewöhnlich. Sie ist der Normalfall, und sie hat einen klaren Grund: Dokumentiert wird, was nicht mehr zu übersehen ist. Alles davor gilt als Alltag.
Beinaheereignisse enthalten dieselben Informationen wie Vorfälle, nur ohne den Schaden. Dieselben Tageszeiten. Dieselben Räume. Dieselben Konstellationen. Wer sie erfasst, sieht Muster nach drei Monaten. Wer nur Vorfälle erfasst, sieht sie nach drei Jahren, wenn überhaupt.
Beispiele aus der Praxis: Fast alle Zwischenfälle passieren im Übergang, beim Schichtwechsel, bei der Essensausgabe, im Flur zwischen zwei Terminen. Fast alle betreffen Situationen, in denen jemand allein ist. Fast alle folgen auf eine Mitteilung, die die andere Person nicht hören wollte.
Das sind Erkenntnisse, aus denen sich etwas ableiten lässt. Sie stehen aber nur in den Daten, wenn die Daten auch das Fast enthalten.
Nicht aus Nachlässigkeit. Die Gründe sind fast immer dieselben:
Der Aufwand steht in keinem Verhältnis. Ein Formular mit achtzehn Feldern für eine Beschimpfung wird nicht ausgefüllt.
Es folgt nichts daraus. Wer dreimal gemeldet hat und nie eine Rückmeldung bekam, meldet nicht mehr.
Es wirkt wie eine Schwäche. Besonders in Teams, in denen Belastbarkeit als Berufsqualifikation gilt.
Es könnte gegen die eigene Arbeit ausgelegt werden. Diese Sorge ist selten ausgesprochen und oft vorhanden.
Ein Meldeweg, der unter einer Minute dauert. Drei Felder: Was, wo, wann. Alles Weitere kann später kommen, wenn es überhaupt gebraucht wird.
Eine Rückmeldung, die verlässlich kommt. Auch wenn sie lautet: zur Kenntnis genommen, keine Maßnahme. Das ist besser als Schweigen.
Eine Auswertung, die sichtbar ist. Einmal im Quartal fünf Minuten in der Teamsitzung: Das haben wir gemeldet bekommen, das fällt auf, das ändern wir.
Nach einem halben Jahr steigt in fast jeder Einrichtung die Zahl der Meldungen deutlich. Das sieht in der Statistik nach einer Verschlechterung aus und ist das Gegenteil.
Vertiefung
Weiterlesen